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"Come out!" - leichter gesagt als getan ...

Was ist das Coming Out? Jeder Schwule hat es, aber bei jedem sieht es etwas anders aus und jeder wird die Frage ein wenig anders beantworten. Wir wissen heute, dass Schwulsein nicht durch Erziehung, Vorbilder oder irgendwelche Erfahrungen im Laufe des Lebens entsteht, sondern schlicht angeboren ist. Genauso steht heute fest, dass sich die sexuelle Orientierung eines Menschen nicht ändern lässt. Man kann gegen seine eigene Orientierung leben und es kann auch sein, dass man das eine Zeitlang selbst nicht bemerkt. Aber nichts in der Welt kann einen Hetero schwul machen oder einen Schwulen hetero. Viele Schwule stellen im Erwachsenenalter rückblickend fest, dass es bei ihnen schon in der Kindheit Anzeichen für ihre Veranlagung gegeben hat, aber in der Kindheit und frühen Jugend selbst bemerken viele Jungs und die Menschen in ihrer Umgebung nichts davon. Das Coming Out ist nun der Prozess, in dem die in einem Menschen sozusagen schlummernde Homosexualität an die Oberfläche kommt und den Betroffenden zu einem glücklichen, selbstbestimmten Leben verhelfen kann. Manche Leute - oft mit angeblich "christlichem" Hintergrund, fast immer aber ohne jede Ahnung von der Sache - empfehlen, dieses Coming Out zu unterdrücken. Das führt oft zum Gegenteil eines glücklichen, selbstbestimmten Lebens, nämlich zu psychischen Störungen bis hin zum Suizid. Warnungen vor dem Coming Out gefährden also die psychische Gesundheit, Hilfen beim Coming Out können Hilfen zum Lebensglück sein. Die ROSA HILFE versucht, beim Coming Out zu helfen.

Beim Coming Out kann man meist drei Phasen unterscheiden, die sich aber natürlich auch überschneiden können. Wir wollen versuchen, diese drei Phasen zu beschreiben und ihre Schwierigkeiten und Chancen darzustellen.

Phase 1: Das innere Coming Out
Wenn man merkt, dass man sich auf der Straße lieber und häufiger nach Männern umdreht als nach Frauen, dann verunsichert das natürlich. Bin ich etwa schwul? Das ist eine Frage, vor deren Antwort man vielleicht selbst Angst hat. Viele Gründe findet man, warum das eigentlich nicht sein kann und warum es erst recht nicht sein darf. "Ich bin doch ein ganz normaler, gemütlicher Typ, der abends gerne in der Kneipe ein Bier trinkt, im Kirchenchor singt und einen ganz normalen Bekanntenkreis unterhält. Ich habe doch nichts mit den ausgeflippten schwulen Typen gemeinsam, die man manchmal im Fernsehen sieht. Die finde ich doch sogar eher abstoßend. Und außerdem würde ja meine ganze Welt einstürzen, wenn ich plötzlich schwul wäre. Meine besten Freunde machen doch oft Schwulenwitze und außerdem: Wenn ich jetzt plötzlich sagen würde, dass ich schwul bin, dann wäre das doch fast als hätte ich alle die ganze Zeit irgendwie belogen. Würde man mir diesen Vertrauensbruch je verzeihen können. Nein, nein, ich bin doch wahrscheinlich nicht wirklich schwul. Ich schau mir halt Männer an, weil ich mich mit denen vergleiche. Naja, irgendwie hab ich vielleicht bisexuelle Anteile in mir, aber hat das nicht eigentlich jeder? Nein, im Grunde will ich ja schon eine Frau finden und eine Familie gründen. Das passt doch viel besser zu mir als so ein Leben in einer durchgeknallten Schwulenszene." Solche Selbstgespräche kennzeichnen diese erste Phase des Coming Out. Erst recht schwierig wird es bei Jungs, die noch bei den streng konservativen Eltern wohnen, oder bei Familienvätern, die Schuldgefühle gegen Frau und Kinder haben. Man kann mit 15 in diesen Strudel der Gefühle geraten oder mit 50. Eine feste Regel dafür gibt es nicht, aber fast immer ist es sehr, sehr schwer. Viele erleben das Ganze als Bedrohung, die einen fast erdrückt. Immer und immer die quälende Frage: Bin ich etwa schwul? Das innere Coming Out ist überstanden, wenn man klar und deutlich zu sich selbst sagen kann: Ja, ich bin schwul. Manche denken, dass mit dieser Erkenntnis die eigentlichen Probleme erst anfangen. In Wirklichkeit ist man mit dieser Erkenntnis auf dem besten Weg, die Probleme, die man vielleicht jahrelang hatte, in den Griff zu bekommen. Dieser erste Schritt im Coming Out ist wahrscheinlich der schwierigste und schmerzhafteste überhaupt. Wenn man den geschafft hat, hat man beste Chancen, den Rest auch zu schaffen. Wenn du in dieser Phase einen verständnisvollen Gesprächspartner brauchst, dann ist die ROSA HILFE die Stelle, an die du dich wenden kannst.

Phase 2: Das äußere Coming Out
Wenn man ahnt oder weiß, dass man schwul ist, stellt sich früher oder später die Frage, ob und mit wem man darüber sprechen kann. "Ich will doch meine Eltern nicht verletzen, die wären sicher sehr enttäuscht von mir. Werden sich meine Freunde von mir abwenden? Kann ich vielleicht meinen Arbeitsplatz verlieren, wenn es bekannt wird? Die machen eh alle schon so oft abfällige Bemerkungen über Schwule und mich grenzen sie eh aus, das kann doch nur noch viel schlimmer werden, wenn ich denen sage, dass ich schwul bin." Diese Sorgen und Fragen sind sicher sehr berechtigt. Auf der anderen Seite wünscht man sich vielleicht, man könnte endlich offen über die Dinge reden, die einem so wichtig sind. Mit den Mitarbeitern der ROSA HILFE kannst du vielleicht "üben", darüber zu sprechen, aber den Mut, dich einem guten Freund oder einer Freundin anzuvertrauen, musst du dann schon selbst aufbringen. Wenn das gut geht (und es geht meistens gut), wird es dir sicher nach und nach leichter fallen, weitere Leute einzuweihen. Eltern sind natürlich ein besonderes Problem. Oft fürchten wir uns davor, sie zu enttäuschen. Viele Schwule schieben die Information ihrer Eltern daher erst einmal auf. Im Freundeskreis kann man vielleicht die Selbstsicherheit aufbauen, mit der man später einmal die Sache mit den Eltern angehen kann. Andere warten ganz bewusst damit bis sie von zu Hause ausziehen, weil der Abstand und die größere Unabhängigkeit es leichter machen. Wieder andere legen bewusst oder unbewusst kleine verräterische Spuren, damit die Eltern selbst drauf kommen. Es gibt auch hier, wie bei den meisten schwierigen Fragen des Lebens, kein Patentrezept, wie man es machen muss. Aber fast immer ist es ein riesiger befreiender Schritt, es den Eltern endlich zu sagen. Es ist einfach eine Last, die abfällt. Oft sind die Eltern sogar etwas verletzt, wenn sie das Gefühl haben "es" als letzte zu erfahren. Aber das liegt ja nicht daran, dass man sie für unwichtig hält, sondern im Gegenteil daran, dass man sie so wichtig nimmt, dass man vor einem Misserfolg besonders viel Angst hat, und lieber erst einmal auf einem harmloseren Feld üben wollte. Man muss auch wissen, dass es für viele Eltern nicht so leicht ist, das Schwulsein des Sohnes zu verkraften. Oft brauchen sie dafür erst einmal einige Zeit. Die ROSA HILFE kann übrigens den Kontakt zu einem Elterngesprächskreis herstellen, der vielleicht auch deinen Eltern in dieser Situation etwas helfen könnte. Im sozialen Umfeld, sei es Bekanntenkreis oder Firma, wirst du nach deinem Coming Out vielleicht von einigen noch etwas krummer angesehen als vorher, aber sicher wirst du auch Leute finden, die dich gerade wegen deines Coming Outs besonders respektieren werden, weil sie ahnen, wie viel Mut dazu gehört. Gegen dumme herabsetzende Sprüche kannst du dich besser zur Wehr setzen, wenn die Fronten geklärt sind. Vielleicht werden dir auch andere helfen, wenn erst einmal allgemein anerkannt ist, dass du schwul bist und dazu stehst. In aller Regel kannst du bei Diskriminierung sogar den Schutz von Vorgesetzten und/oder Betriebsrat in Anspruch nehmen. Eine große, traurige Ausnahme gibt es jedoch. Wenn du in Diensten der katholischen Kirche stehst, riskierst du mit deinem Coming Out am Arbeitsplatz deinen Job. Es ist ein himmelschreiender Skandal, aber die Kirche darf als sogenannter "Tendenzbetrieb" ganz offen Schwule diskriminieren. In der evangelischen Kirche hast du das dagegen heute nicht mehr zu befürchten. Wem kann ich mein Schwulsein anvertrauen? Dein äußeres Coming Out ist eigentlich erst abgeschlossen, wenn du antworten kannst: Jeder kann es wissen. Vor niemandem auf dieser Welt werde ich mich verstecken. Ob es realistisch ist, dass man diesen Zustand überhaupt erreicht? Zur Not hätte man eben ein lebenslanges Coming Out, das nie wirklich zu Ende gehen kann. Aber Fortschritte kann man dabei immer machen. Die ROSA HILFE kann dir vielleicht helfen, herauszufinden, welche Schritte für dich die richtigen sind.

Phase 3: Das soziale Coming Out
Wenn man sein eigenes Schwulsein akzeptiert hat und vielleicht auch die Familie und die Freunde schon ins Vertrauen gezogen hat, stellt sich noch immer die Frage: Wie kann ich eigentlich schwul leben? Das Gefühl, dass das irgendwie anders sein muss als ein Heteroleben hat man schon, aus manchen Lebensbereichen ist man ja auch praktisch ausgeschlossen, dafür muss es doch irgendwie Ersatz geben. Vielleicht führst du ein Selbstgespräch wie dieses: "Toll, ich bin jetzt schwul. Aber wie finde ich einen Partner? Ich kenne ja überhaupt keine anderen Schwulen. Wahrscheinlich gibt es hier in meinem Kaff auch gar keine. Ich müsste irgendwie in die Großstadt. Aber ich traue mich doch nie im Leben, so einfach in eine schwule Bar zu gehen. Ich weiß ja nicht, wie da die Anmache ist. Und ich würde auch sicher den ganzen Abend keinen Ton sagen, so eingeschüchtert wie ich wäre. Diese ganzen selbstbewussten Schwulen in so einer Umgebung warten bestimmt nicht ausgerechnet auf so ein Häufchen Aufgeregtheit wie mich. Und wollen die nicht sowieso alle immer erst einmal nur den schnellen Sex. Das käme für mich ja nie in Frage..." Auf dem Weg zum Ziel eines glücklichen, selbstbestimmten Lebens, müssen auch diese Hindernisse noch überwunden werden. Da hilft eigentlich nur eins. Du musst unter Leute, und zwar unter schwule Leute. Dann hast du auch die Chance einen Partner zu finden. Je nach den Gegebenheiten kann das ganz einfach sein oder ganz schwer. Die meisten Schwulen, die dir heute vielleicht so sebstsicher vorkommen, können dir beim zweiten Bier eine Geschichte davon erzählen, wie lange sie gebraucht haben, den Mut aufzubringen, das erst Mal irgendeinen schwulen Treffpunkt aufzusuchen. Wenn man es dann nach langem, langem Zögern endlich geschafft hat, fragt man sich vielleicht selbst, warum das so schwer gewesen sein soll. Selbstverständlich kann dich auch hier die ROSA HILFE gut beraten, dich mit Informationen versorgen und dir helfen, die für dich geeigneten Treffpunkte zu finden. Schwule gibt es übrigens wirklich überall. In jedem Dorf und in jedem größeren Wohnblock. Nur ist es leider manchmal so schwer, sie zu finden, und dann unter ihnen auch noch die richtigen herauszufischen. Ziel des sozialen Coming Out ist es, dass die Frage: Wie kann ich schwul leben? gar keine Frage mehr für dich ist, weil du ganz selbstverständlich dein eigenes unverwechselbares schwules Leben lebst. Dann taucht mit etwas Glück auch der Mann für dieses Leben auf und die ROSA HILFE freut sich, wenn sie zur Hochzeit eine kleine e-Mail von euch bekommt.

Rosa Hilfe

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